Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.9.1999
Mit dem Zimmermannshammer aquarellieren
Der Hobbyboxer Max herfert zählt die Kunst an
"René Weller war zu häufig unterwegs." So kann man es natürlich auch ausdrücken. Deshalb jedenfalls fiel das Sparring plötzlich aus, zu dem Max Herfert bislang mehrfach wöchentlich von Reutlingen bis Pforzheim gefahren war. Nun mag man vermuten, dass jeder halbwegs normale Mensch überglücklich gewesen wäre, um einen Boxkampf mit René Weller - immerhin einmal Weltmeister - herumzukommen, doch Max Herfert ist alles andere als normal. Er ist ein Mann, der im Übermut mit dem Gesicht Glasscheiben zertrümmert. So jemand braucht Ersatz für fehlende Betätigung. Er fand sie auf unerwartetem Terrain und wurde auch in der Kunst, was er bereits im Boxring gewesen war: ein Außenseiter im besten Sinne des Wortes.
Seinem Erfolg auf dem einen wie dem anderen Parkett hat das auf den ersten Blick keinen Abbruch getan. 1983 wurde der immerhin schon dreißigjährige Boxdebütant auf Anhieb württembergischer Vizemeister im Schwergewicht, und seine Ausstellung "Die Neue Häßlichkeit" gastierte seit 1994 auf immerhin drei Stationen und fand große Beachtung in der Presse. Doch der zweite Blick relativiert diese Triumphe nicht unerheblich: Um seinen Finalkampf im Schwergewichtsboxen zu erreichen, genügte Herfert seinerzeit ein einziger Sieg, und die Stationen seiner Schau waren eine Kneipe im heimischen Reutlingen, eine dortige Galerie und ein Bordell in Frankfurt am Main. Die beeindruckende Publikationsliste zur "Neuen Häßlichkeit" umfasst denn auch überwiegend Artikel aus Reutlinger und Tübinger Lokalblättern, bisweilen eine Eigenanzeige in Kunstzeitschriften und als Höhepunkt einen Bericht in der "Frankfurter Rundschau".
Doch der dritte Blick offenbart wieder etwas anderes. Herfert ist nach 1983 immerhin noch dreimal württembergischer Vizemeister im Schwergewicht geworden und hat im Laufe seiner siebenjährigen Karriere die gesamte Boxelite im Ländle geschlagen. Und seine Ausstellung zeigt zumindest einen begabten Dilettanten, der seine Auftritte als Künstler nicht minder ernst nimmt als die im Ring. Die selbstentwickeite Technik des "Hammarells" vereint dabei beide Welten: Herfert krümelt Aquarellfarbbrocken auf ein durchnässtes Papier und knüppelt mit einem Zimmermannshammer darauf ein. Das Resultat ist eine erstaunliche Mischung aus Pointillismus und Pop-Art.
Bewundern kann man diese und manch andere eher traditionell angefertigte Bilder in einem schmalen Buch, das Max Herfert geschrieben hat, um die Geschichte seiner Ausstellung nachzuerzählen. Es ist ungemein ehrlich, denn der Autor macht (auch literarisch) keinen Hehl aus seinem Dilettantismus und ist doch ungeheuer stolz auf seine Werke, zum Beispiel auf die Lindenholz-Schnitzarbeiten, auf die er monatelange Mühe verwandte. Er deklariert seine Aktivitäten als Entlarvung des traditionellen Kunstbetriebs, doch zugleich ist jeder Verkauf aus der Ausstellung akribisch vermerkt, und selbst die Zahl der Diebstahlversuche in seiner Frankfurter Schau dient als Beleg für die Attraktivität der Werke.
Aber es geht gar nicht wirklich um Kunst. Das Buch soll zwar eine Dokumentation sein, doch vor allem ist es eine Ehrenrettung für den Boxsport, dem Herfert ungleich mehr verdankt als seinem Ausflug in die hehre Sphäre der Hochkultur. Im Boxring können sich Metzger und Vegetarier vertragen; dort hat man noch Platz, um sich auszudehnen, wo sonst doch alles in der Welt so eingeengt erscheint; da ist der Platz für triumphale Comebacks selbst nach Momenten größter Niedergeschlagenheit. In den billigen Wechselrahmen von Herferts Ausstellung waren deshalb gleich mehrere Porträts von Mike Tyson vertreten, und eine Ansicht des kriegszerstörten Frankfurter Römerbergs trägt den Titel "7, 8, 9.... Box!". Herferts Reutlinger Freunde pilgerten vor drei Jahren denn auch wie Schlachtenbummler in den Rotlichtbezirk von Frankfurt, um ihren Helden beim Auftritt in der großen weiten Welt zu unterstützen. Geschlagen hat er sich dort gut, und das tut er auch in seinem Buch. Es ist ein geschürzter Schwinger, der nur dem als Tiefschlag erscheinen wird, der seinen Kopf sehr hoch trägt.
ANDREAS PLATTHAUS
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